TL;DR: Cory Booker stand 25 Stunden im Senat – nicht für die Galerie, sondern für das Gewissen. In Zeiten politischer Müdigkeit erinnerte er daran, dass Haltung mehr ist als Rhetorik. Ein seltenes Zeichen von Rückgrat in einem erschöpften System.

Ein Kommentar zu Cory Booker und der seltenen Kunst des politischen Gewissens
In einer Zeit, in der Anstand als nostalgisches Relikt gilt und Moral zur Marketing-Strategie verklärt wird, wagte sich Cory Booker zu etwas, das im heutigen Washington fast subversiv wirkt: Er sprach. Nicht in die Kamera eines Talk-Formats, nicht auf einer Spendengala in Napa Valley, sondern im Senat – dort, wo Demokratie theoretisch stattfinden sollte, praktisch aber meist vertagt wird.
25 Stunden stand der Senator aus New Jersey am Rednerpult und tat, was viele seiner Kolleg*innen verlernt oder nie gelernt haben: Er hielt durch. Und er hielt fest – an einer Vorstellung von Amerika, die nicht von Golfclubs, Börsenkursen oder SpaceX-Satelliten diktiert wird, sondern von Menschen, die daran glauben möchten, dass Integrität in der Politik mehr ist als ein Wort auf Wahlplakaten.
„Dies sind keine normalen Zeiten“, sagte Booker zu Beginn – und man hätte ihm dafür fast eine Medaille verleihen können, wäre die Diagnose nicht so bitter wie banal. Denn dass Donald Trump bereits nach 71 Tagen im Amt mehr Schaden angerichtet hatte, als viele Autokraten in vier Jahren zu träumen wagen, war zu diesem Zeitpunkt keine Neuigkeit, sondern Notstand. Sicherheit, Wohlstand, Demokratie – was einst als unerschütterliches Fundament galt, wurde zur Spielmasse eines egomanen Casino-Kapitalisten, der vom Weißen Haus aus Tweets statt Verantwortung verschickte.
Booker erinnerte daran, dass Schweigen Komplizenschaft bedeutet – eine Wahrheit, die im Plenarsaal, wo meist nur noch die Putzkolonnen zuhören, wie eine Ohrfeige klang. Nicht gegen die Republikaner allein – das wäre zu einfach –, sondern gegen eine ganze politische Klasse, die sich lieber mit Protokollen beschäftigt als mit Prinzipien.
Sein Appell war kein Filibuster im klassischen Sinne, eher ein Monolog im Theater der politischen Absurdität. Kein Gesetz wurde blockiert, aber vielleicht ein paar Gewissen aufgerüttelt. Während Ted Cruz einst 21 Stunden lang brabbelte, bis ihm Dr. Seuss' How the Grinch Stole Christmas! zur intellektuellen Stütze wurde, sprach Booker ohne Pausenclown über Trump, Musk und darüber, wie sie die Ärmsten der Armen noch ärmer machen – weil es eben keine Spielerei war, sondern bitterer Ernst.
Er wetterte, zurecht und schonungslos: „Der reichste Mann der Welt hat die Schlüssel zu unserer Regierung in die Hand bekommen. Er arbeitet jetzt daran, Veteranen zu entlassen, die Sozialversicherung weniger auf Senioren reagieren zu lassen und es der Regierung schwerer zu machen, für Sie zu arbeiten.“
Mitstreiter wie Chris Murphy und Andy Kim ergänzten die Bühne, doch der Applaus kam nicht aus dem Saal – er kam von draußen. Denn Bookers wahres Publikum waren nicht die satten Senatoren auf den Bänken, sondern die Bürger*innen, die sich fragen: Was tun eigentlich unsere Gewählten, während alles zerbricht?
„Jetzt ist die Zeit für guten Ärger“, sagte Booker – und man spürte: Hier spricht keiner, der um die nächste Schlagzeile buhlt, sondern einer, der seine eigene Partei mit in die Pflicht nimmt. Die Rede war keine Heldensage, sondern eine Mahnung: Die Demokratie stirbt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Schulterzucken.
Ja, man könnte sagen, Cory Booker habe sich da einfach 25 Stunden hingestellt und geredet. Aber wer das tut, tut mehr als viele, die seit Jahren schweigen. Und das, in dieser Ära orchestrierter Gleichgültigkeit, ist fast schon revolutionär.
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